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30.11.2017

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Vortrag von Schülerinnen der Klasse 10d bei der Abschlussfeier (Juni/Juli 2014)

 

 Brief an Anne Frank zum 85. Geburtstag

 

 Am Donnerstag der vorigen Woche, am 12. Juni, wäre Anne Frank, die Namensgeberin unserer Schule, 85 Jahre alt geworden. Damit wir sie auch nach unserer Entlassung nicht vergessen, haben wir ihr einen Brief geschrieben, der ähnlich schon vor 10 Jahren zu ihrem 75. Geburtstag von einer Schülerin dieser Schule formuliert wurde.

 

 Liebe Anne!            

         

 Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Ja, wir wissen, du lebst schon lange nicht mehr, wie sollen wir dich da beglückwünschen? 85 Jahre alt wärst du am Mittwoch, den 12.6.2014, geworden, hätte man dich nicht im Alter von 15 Jahren im Konzentrationslager umgebracht.

 

 Was haben wir da eigentlich geschrieben: „...du lebst schon lange nicht mehr...“? So ein Unsinn! Wir haben dein Tagebuch gelesen, und wer deine Worte liest, der weiß, wie lebendig du heute immer noch bist. Wer dein Tagebuch liest, weiß, wie du gedacht und gefühlt hast, welche Ängste du hattest, aber auch welche Hoffnung und Zuversicht du ausgestrahlt hast und heute immer noch ausstrahlst.

 

 Wer dein Tagebuch liest, der denkt nach über Freunde und Idole, erfährt von deinen Berufswünschen (denn Schriftstellerin wolltest du werden), und er kann sich in deine Freuden, aber auch Launen gut hineinversetzen. Wer dein Tagebuch liest, der blickt mit dir voller Sehnsucht aus dem Hinterhausfenster in Amsterdam auf den großen Kastanienbaum, und er spürt deinen Interessen fürs Lesen und für die Musik nach. Wer dein Tagebuch liest, der vergleicht seine und deine „Kämpfe“ mit den Eltern und fühlt mit dir und deiner aufblühenden Liebe zu Peter mit.

 

 Wer dein Tagebuch liest, der weiß um die Ängste, die du angesichts des Schreckens und der Verfolgung durch die Nazis hattest. Aber er weiß auch um dein Gottvertrauen und deine Natursehnsucht und ringt mit dir und deinen Worten um den Sinn des Lebens. All das wirkt bis heute!

 

 Natürlich erleben wir vieles heute anders: Freiheit z.B. ist für uns etwas Selbstverständliches, nach Freiheit brauchen wir uns nicht wie du zu sehnen - wir wissen manchmal mit ihr sogar gar nichts anzufangen oder wissen Freiheit nicht zu schätzen.

 

Wir denken oft: Was wäre, wenn du in diesen Tagen deinen 85. Geburtstag hättest feiern können? Wahrscheinlich hättest du Besuch nicht nur von deinen Kindern, sondern auch von vielen Enkel- und Urenkelkindern. Oder du hättest dir - so unternehmungslustig wie du warst - eine schöne weite Reise gegönnt. Vielleicht wärst du auch eine bekannte Schriftstellerin und würdest uns Schülern in der Schule aus deinen Büchern vorlesen und von der Verfolgung vor 70 Jahren erzählen, die du überstanden, aber nie vergessen hättest.

 

 Möglich aber auch, dass du gerade deshalb keinen Fuß mehr auf deutschen Boden gesetzt hättest. Denn das müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen: Als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen und du gerade mal 4 Jahre alt warst, bist du mit der Familie aus Deutschland geflohen. Nachdem ihr euch mehrere Jahre in Amsterdam eingelebt hattet, musstet ihr erleben, wie Hitlerdeutschland die Niederlande überfällt.

 Gerade 13 Jahre alt, habt ihr euch über 2 Jahre lang in einem Hinterhaus versteckt, wurdet schließlich doch verhaftet und ins Konzentrationslager gesteckt. Ihr wurdet Tausende Kilometer in Viehwaggons verfrachtet, in Auschwitz wurdest du mit deiner Schwester von den Eltern auf Nimmerwiedersehen getrennt und gingst dann in Bergen-Belsen elendig an Hunger und Typhus zugrunde, bis du mit Zehntausenden zusammen in einem Massengrab verscharrt wurdest. Es ist für uns nicht zu fassen, was Menschen Menschen antun können.

 

 Auch hier in Ahaus haben viele jüdische Bürger ähnlich Schlimmes erlebt - auch wenn wir von ihnen viel weniger wissen als von dir. Aber der Blick in die Augen der Henny de Jong von der Coesfelder Straße mit den langen Zöpfen auf einem erhalten gebliebenen Foto berührt uns ähnlich wie Bilder und Worte von dir. Henny de Jong aus Ahaus wurde in Auschwitz vergast. Sie war zweieinhalb Jahre älter als du und hätte am 11. November 2014 ihren 88. Geburtstag feiern können.

 

 Trotz all dem Schrecken und dem Leiden, das euch angetan wurde und das wir niemals vergessen dürfen, haben wir aus dem Tagebuch auch viel Positives für uns mitgenommen. Denn dein Lebensmotto ist auch unseres: „Trotz allem, weil ich immer noch an das innere Gute im Menschen glaube“. Das hast du zwei Wochen vor deiner Verhaftung in dein Tagebuch geschrieben.

 

 Anne, für uns lebst du immer noch!