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Den Spuren der Deportierten gefolgt
"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn auch sein Name vergessen ist." Diese Worte des Stolperstein-Künstlers Gunter Demnig waren für sechs Schüler und Schülerinnen der Anne-Frank-Realschule Anlass genug, beim Gedenken an die 22 aus Ahaus ins Ghetto von Riga deportierten Juden im Alter von 6 bis 68 Jahren am Samstagnachmittag (10. 12.) aktiv zu werden und z.B. die Namensschilder der Betroffenen zu zeigen und auf dem früheren Deportationsweg zu tragen.
Verena Hoge und Monja Skusa aus der Klasse 9d, Tobias Borgers, Mareen Gausling, Ines Göring und Nadine Schulze-Wilmert aus der Klasse 9f gestalteten den Schweigemarsch, den der "Arbeitskreis Ahauser Geschichte 1933 - 1945" vorbereitet hatte und durchführte, maßgeblich mit. Schon an den früheren Wohnstätten, wo heute Stolpersteine an die verschleppten jüdischen Familien Gottschalk (Kreuzstraße), Schlösser (heute Wessumer Straße und Wallstraße), Cohen (heute Parkplatz Wallstraße) und de Jong (heute Rand des Rathausplatzes) erinnern, reckten sie die Namen und Fotos der Deportierten zur Information und Veranschaulichung für die Teilnehmer des Gedenkens in die Höhe. Nach dem Gang über die Hindenburgallee, den am Tag genau vor 70 Jahren (am 10.12.1941) auch die Ahauser Juden vor den schaulustigen Augen der Bevölkerung gehen mussten, gelangte die Gedenk-Gruppe zur Schorlemer Straße, wo auf einem Platz hinter den Eisenbahnschienen vor der früheren Viehversteigerungshalle (!) damals die "Verladung" der Juden auf Lastwagen geschah. Bevor Ingeborg Höting die weitere Deportation in den Tagen danach (bis zum 15.12.1941) über Münster und Bielefeld nach Riga im Detail erklärte, stellten die sechs Schüler die 22 Deportierten vor, von denen nur vier das Grauen (im Ghetto Riga, später im KZ Stutthof und auf dem "Todesmarsch") überlebten - als einzige von ihnen lebt Marga Cohen heute noch mit 89 Jahren in New York. Die Fotos der Deportierten gruppierten sie, zu Familien geordnet, auf dem Boden des ehemaligen Deportationsortes - zu jedem Bild wurde eine Rose gelegt.
Beim anschließenden Treffen im Canisius-Stift, das im Schülerverzeichnis der 1930er Jahre auch Marga Cohen und ihre auch überlebende Schwester Miriam aufführt, trugen die Anne-Frank-Schüler, die seit Anfang des Schuljahres in einer freiwilligen "Stolperstein-Gruppe" u.a. zur Familie Gottschalk (Bahnhofstraße) recherchieren, die vielen kleinen und großen Schritte der Demütigung, Entrechtung und Diffamierung der Juden vor, die schließlich über die Deportationen, die Ghettoisierung und Lagerhaft zum industriellen Massenmord führte. Nach über zwei Stunden intensiven Informations- und Gedankenaustauschs sowie auch teils schweigenden Erinnerns und Gedenkens war allen Beteiligten klar, dass ein Ver-Schweigen niemals in Frage kommt. Sie, die früher unter uns lebten und fast alle grausam ermordet wurden, dürfen nicht vergessen werden - das sind wir ihnen schuldig. Denn an sie erinnert nicht mal ein Grabstein auf dem jüdischen Friedhof.
Die "Stolperstein-AG" der AFR, die außer den sechs genannten noch weitere sechs Schüler umfasst, wird im laufenden und wohl auch nächsten Schuljahr nicht nur eine Dokumentation zur Familie von Erich Gottschalk erstellen, sondern auch den jüdischen Friedhof besuchen sowie die Stolpersteine einer gründlichen Reinigung unterziehen, damit die Namen und Daten auf den Steinen wieder in "goldenem" Messing den Passanten ins Auge fallen, so dass sie darüber stolpern.
